25 Januar 2016

Wolfgang Herles hält Quotenwahn für Ursache des Mainstreamjournalismus

Heinrich Heine hätte die sozialdemokratischen Zensoren wahrscheinlich ganz einfach zu Dummköpfen erklärt ("Die deutschen Zensoren --------------- Dummköpfe-----------."). Für die Mehrheit im Lande war es indes der Beweis dafür, dass man Politik und Medien nicht mehr über die Leitung trauen darf. Für offen wird nur die Frage gehalten, wo die Schere greift: Im Kopf der Journalisten, auf den Schreibtischen der Chefredakteure, in den Verwaltungsräten (vgl. Casus Nikolaus Bender vs. ZDF/Roland Koch vor dem BVG) oder in den Innenministerien. DASS der Informationsfluss gelenkt und gefiltert wird, steht jedenfalls fest.  

Wolfgang Herles hat in seinem Buch "Die Gefallsüchtigen" die Ursachen der defacto Zensur untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass die Filterblase kein Werk direkter Lenkung und Filterung durch Regierungskreise ist. Sondern eine Folge des Quotendenkens bei den Öffentlich Rechtlichen und dem Einheitsbrei der (ganz) großen Koalition.

Und das geht so:

Die Regierungsqualität nimmt in Bund und Ländern ab. Moral schlägt Urteilskraft. Erregung geht über Information. Und die Zuschauer haben eine Aversion gegen Streit. Harmonie schlägt Diskurs. Gefühl schlägt Verstand. Talkshow schlägt Investigation.

Das, so Herles, führe dazu, dass wir uns über eine Nichtigkeit nach der anderen erregen und mit den wirklich wichtigen Themen nicht voran kommen. Er listet etliche Beispiele auf, bei deren Lektüre ich mich fragte, warum wir uns in den letzten mindestens acht Jahren mit so viel Müll beschäftigt haben, während sich die Welt dramatisch veränderte.

Politiker zitterten früher vor investigativen Magazinen wie Monitor und Panorama oder ZDF Magazin.  Heute muss da keiner mehr etwas befürchten, weil die großen Zusammenhänge nicht mehr durchleuchtet werden. Das gelte auch für Wirtschaftsmagazine, in denen es nicht mehr um die großen Linie gehe sondern um Lidl vs. Aldi und McDonalds vs. Burger King.

Die Kultur sei auf letzte Sendeplätze abgeschoben, gekürzt und boulevardisiert. Hier spricht Herles aus eigener Erfahrung. (Anm.: So scharfsinnig, wie er in seinem Buch rüberkommt, habe ich ihn vom Fernsehen nicht in Erinnerung. Durfte er damals schon nicht..?).

Sport über alles

Es dominiert der Sport, vorzugsweise der Fußball. Selbst in WM- und EM-freien Zeiten gab es im Sommer 2015 Wochen, in denen kein Abend ohne Liveübertragung eines unwichtigen Fußballspiels verging. Und ganz aktuell: Gestern sendete Das Erste vom Vormittag bis zur tagesschau ununterbrochen Sport. Kein Presseclub, kein Berlin direkt, kein Weltspiegel.

Kurzum: Das Fernsehen unterhält uns nur noch, zerstreut uns, erregt uns und hält uns davon ab, unseren eigenen Interessen nachzugehen. 

Ursachenforschung

Herles macht das Quotendenken für die schlechte Qualität der öffentlich-rechtlichen Programme verantwortlich. Einschaltquote und Marktanteil gehe über den gesetzlichen Auftrag, "das Volk mit sich selbst ins Gespräch zu bringen." 

Sofort fragt man sich, und Herles beantwortet die Frage, warum Sendeanstalten, die mit Zwangsgebühren abgesichert sind, die Quote über alles stellen. (Des weiteren frag ich mich: Erhöht der ganze seichte Müll tatsächlich die Quoten?). Die Intendanten und Programmplaner beantworten die Frage damit, dass gerade die Zwangsgebühren die Sender zu einem populären Programm verpflichteten und die Akzeptanz der GEZ-Gebühr sinken würde, wenn die Leute nicht mehr ARD und ZDF schauen würden. Deshalb müsse man es dem Zuschauer so bequem wie möglich machen und ihn keinesfalls mit zu schwerem Stoff überfordern.

Das, so Herles, geht am Programmauftrag vorbei und unterstellt (m. E. zu recht), dass das nicht mal die Zuschauer so sehen. Die Programmplaner haben eine Haltung, mit der man Kindern die Regie über den Speiseplan geben würde. Dann gäbe es nur noch Spaghetti und Süßigkeiten. 

Die Intendanten reichen aber nicht nur Süßigkeiten. Als Alibi bieten sie uns immer mehr Spartensender, auf denen dann das läuft, was die kleine anspruchsvolle Zuschauergruppe unter Qualität versteht. Herles hebelt auch dieses Argument aus, in dem er die Einschaltquoten des Kulturmagazins aspekte mit denen der 3sat Kulturzeit vergleicht. Obwohl die Kulturzeit den besseren Sendeplatz habe (19.20 - 20.00h) habe sie nur ein Viertel der Einschaltquote von aspekte (23.00h und häufig wechselnd). Das liege daran, dass aspekte im Hauptkanal laufe und Kulturzeit in 3sat. aspekte läuft man über den Weg, für Kulturzeit muss der Mainstreamzuschauer umschalten. Dazu komme, dass auch aspekte inzwischen boulevardisiert werde. Was stimmt, wenn man z. B. an den Auftritt von BAP vorigen Freitag denkt..)

Fazit

Wo kritische Zuschauer Zensur (wenn auch Selbstzensur) am Werke sehen, sieht Herles die Auswirkungen eines "Quotenwahns". Beides bewirkt einen Mainstream, beides schadet der Demokratie. 

29 Dezember 2015

Meine Dezemberbücher

Dezember Literatur (meine):

  • Rainald Goetz, "loslabern" (2008)
  • Gustave Le Bon, "Psychologie der Massen" (1895
Nicht zu Ende geschafft:

  • John Brockmann (Hrsg.), "Worüber müssen wir nachdenken?" (2014)
  • Jonathan Franzen, "Unschuld" (2015)
  • Benham T. Said, "Islamischer Staat" (2015)
Goetz hilft, das vorige Jahrzehnt in Berlin zu verstehen, Le Bon, das vorige Jahrhundert. Mir wichtig: Dank Goetz weiß ich jetzt sicher, dass die gesponnen haben und nicht ich. Und dass ich nichts verpasst habe, wenn ich abends nicht in diesen selbstbezüglichen Ick-bin-jetzt-Berliner-Kreisen Mannheimer MBA-AbsolventInnen war.

Le Bon erklärt, warum zu viel Intelligenz in der Massengesellschaft zur Erfolglosigkeit verdammt. Die Massen lernen nicht durch Einsicht sondern durch Nachahmung. Um nachahmlich zu sein, darf man ihnen als Führer geistig nicht zu weit voraus sein. Wer unnachahmlich seiner Zeit zu weit voraus ist, dem folgt keiner. Man darf auch nichts erklären, dann verliert man seinen Nimbus (vgl. Max Frisch, Homo Faber: "Der Mann will die Frau als Rätsel um sich an seinem Unverständnis zu berauschen."). Beides hatte Schröder begriffen und das FAZ-Feuilleton bückte sich fortan, um sich an den tiefer gehängten Decken nicht den Kopf zu stoßen.

Goetz erklärt das Phänomen "24-Jährigkeit", Le Bon den Erfolg der Schröderhaftigkeit. Liest man beides zusammen, hat man Berlin in den Jahren zwischen 2001 und 2008 verstanden.

19 November 2015

The Cure, "Killing an Arab"

Zur Feier des Tages darf man das mal spielen. Die französische Polizei hat Abdelhamid Abaaoud getötet, den Drahtzieher der Paris-Attentate.

The Cure, 16. Nov. in Paris: